Der Potsdamer Chirurg Kai von Harbou schaut seinem Patienten in die Augen und empfiehlt dem jungen Sportler mit anhaltenden Rückenschmerzen weiterhin Krankengymnastik und legt die Medikamentendosis fest. Der Arzt und sein Patient begegnen sich nicht in der Praxis – sie unterhalten sich per Videokonferenz über das Internet. In seiner Online-Sprechstunde behandelt Kai von Harbou regelmäßig rund 50 von 120 Stammpatienten. „Neben den chronisch Kranken wird unser Angebot besonders von beruflich stark Eingebundenen sowie Alleinerziehenden angenommen“, sagt der Arzt. Das gelte vor allem für Regionen mit geringer Arztdichte wie in Brandenburg.
Die Online-Sprechstunde kann rein technisch über jeden PC mit Kamera und Internetanschluss abgewickelt werden, rechtlich und praktisch kommen dafür jedoch nur Patienten in Frage, die der Arzt bereits gut kennt. „Doctr.com ist kein Portal für Ferndiagnosen“, sagt von Harbou. Der Internet-Checkup eigne sich vor allem, um mit den immer zahlreicher werdenden chronisch kranken Patienten zwischen den üblichen Praxisbesuchen in enger Verbindung zu bleiben. „Der visuelle Kontakt ist für die Arzt-Patienten-Beziehung sehr wichtig“, erläutert von Harbou, warum er nicht einfach per Online-Chat mit seinen Patienten spricht.
Virtuelle Beratung ohne Zusatzkosten
Den Patienten entstehen durch die virtuelle Sprechstunde keine Zusatzkosten. Sie müssen nur zum vereinbarten Termin einen Link anklicken, schon öffnet sich das Videofenster. Laut von Harbou hat die Videokonferenz derzeit den gleichen Sicherheitsstandard wie Online-Banking und der soll noch erhöht werden. Weil der Arzt das von ihm und einer Computerexpertin entworfene System auch an weitere Ärzte und Kliniken lizenzieren will – die private Berliner Mayo-Klinik führt bereits Tests durch – werden künftig wohl noch mehr Patienten virtuelle Sprechstunden besuchen.
In England leiten Ärzte Patienten übers Netz an
In anderen Ländern ist man schon weiter: Im medizinisch unterversorgten Großbritannien etwa leiten Ärzte in einem Feldversuch per Monitor ihre Patienten aus der Ferne an, selbst Blutdruck, Puls oder Lungenfunktion zu messen. Die Werte werden per Internet an den Arzt geschickt. Und im US-Bundesstaat Hawaii ist die medizinische Versorgung so teuer, dass seit Januar preiswerte Video-Sprechstunden Praxisbesuche ergänzen.
Doch nicht immer muss ein Arzt per Internet dazugeschaltet werden, wenn es um die Gesundheit geht. Manchmal will man einfach nur wissen, was sich hinter einem Begriff wie „Glyx-Diät“ verbirgt oder ob eine bestimmte Internetapotheke hält, was sie verspricht. Mehr als jeder dritte Bundesbürger über 16 Jahren sucht laut einer Eurostat-Untersuchung medizinische Informationen im Netz. Bei immer mehr Gesundheitsportalen gibt es sie kostenlos zum jederzeitigen Abruf, Bewertungsportale und Gesundheitsforen laden Internetnutzer dazu ein, ihre Erfahrungen mit anderen auszutauschen, und Krankenkassen bieten per Internet Expertenchats zu Themen wie Diabetes, Kinderernährung oder Stressprävention an.
Austausch mit anderen Betroffenen
Mit den Angeboten steigen auch die Nutzerzahlen. So haben sich etwa bei der Bergischen Krankenkasse seit dem Jahr 2005 die Aufrufe des Angebots „GesundheitOnline“ (www.die-bergische-kk.de) jährlich verdoppelt. 25000 Besucher loggten sich im vergangenen Jahr allein in die Experten-Livechats der Krankenkasse ein.
„Das Thema Gesundheit gewinnt vor dem Hintergrund einer immer größer werdenden Eigenverantwortung an Bedeutung und damit auch der Bedarf an Informationen“, bestätigt Thomas Kresser, Chefredakteur von Onmeda.de, dem derzeit nach Abrufen größten Gesundheits- und Medizinportal im deutschsprachigen Raum. Allein im Januar 2009 wurden bei Onmeda.de 13,5 Millionen Internetseiten aufgerufen.
Laut Kresser interessierten sich dabei akut Kranke vor allem für Volkskrankheiten und passende Medikamente, während chronisch Kranke, die oft selbst Experten für ihr eigenes Leiden sind, weniger nach Informationen, sondern vor allem nach einem Austausch mit anderen Betroffenen in den Diskussionsforen suchten. Allgemein Gesundheitsinteressierte wiederum wollen Rat in Sachen Schwangerschaft, Ernährung, Sport & Fitness, Sexualität & Partnerschaft.
Arzt-Bewertungen kaum überprüfbar
Neben den Ratgeber- werden auch Bewertungsportale für Ärzte, Apotheker und Gesundheitsdienstleister immer beliebter. Mitunter können Nutzer allerdings kaum überprüfen, ob es bei den Bewertungen mit rechten Dingen zugegangen ist. Adresslisten ohne Doppelungen und veraltete Einträge sowie sauber getrennte Kategorien zum Beispiel für Ärzte, Heilpraktiker oder Psychotherapeuten sind ein Indiz für ein gut geführtes Bewertungsportal.
Grundsätzlich ist Portalen mit vielen Bewertungen unterschiedlicher Nutzer zu unterschiedlichen Zeiten der Vorzug zu geben. Laut einer Studie der Northumbria University, Newcastle, sind vielfältige Erfahrungsberichte das, was auch Nutzer für besonders glaubwürdig halten. In der umfangreichen Untersuchung schnitten Seiten der Pharma-Industrie dagegen schlechter ab, selbst wenn sie ausführliche Informationen boten. „Die Nutzer hinterfragen dort vor allem die Hintergedanken der Verfasser“, sagt Studienleiterin Prof. Pamela Briggs.
Nicht zuletzt kann das Internet nützlich sein, um Ärzte und Apotheken in der Nähe zu finden. Google hat jüngst eine Kooperation mit der Arzt-Auskunft der Stiftung Gesundheit (www.arzt-auskunft.de) begonnen. Wer bei Google Maps einen Ort und das Stichwort „Arzt“ oder „Apotheke“ eingibt, bekommt die Treffer gleich in der Landkarte oder im Satellitenbild angezeigt.
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Kommentar: Wissen frei Haus
