Wenn ein Baby den Kopf vorwiegend zu einer Seite dreht, schlecht schläft, häufig spuckt oder die Gesichtshälften asymmetrisch wirken, könnte das an einer Funktionsstörung von Muskeln oder Gelenken liegen. Fehlbelastungen führen nicht nur bei Erwachsenen zu einem verspannten Nacken oder Kopfschmerzen. Schon die Geburt kann die Muskeln und den noch weichen Knochenbau des Babys aus der Balance bringen. Eine verfeinerte Form der Manuellen Therapie soll dieses Gleichgewicht auch in den Gesichtszügen wieder herstellen und selbst Schreikindern helfen. Sie heißt Osteopathie. Behandlungserfolge sehen Mediziner auch bei Patienten im Alter von bis zu einem Jahr, bevor sich die noch einzelnen Schädelplatten fest verknöchert haben.
Natalija ist fünf Monate alt. Mutter Agata Przybyl hatte beim Stillen Schluckprobleme ihrer Tochter bemerkt. Außerdem trank und schlief ihr Baby nur auf die rechte Seite gedreht, was inzwischen an einer Asymmetrie der Schädelform zu sehen war. Der Kinderarzt stellte Verspannungen im Becken und beim Kreuzbein fest. Die drei verordneten Osteopathiebehandlungen im Berliner Martin-Luther-Krankenhaus muss Agata Przybyl mit je 50 Euro zwar selbst bezahlen, aber der Erfolg ist es ihr wert. So schießt nun der Kopf ihrer Kleinen richtungsunabhängig immer dahin, wo die Mutter mit dem Spielzeugkasper winkt.
Blähungen und Schluckprobleme
„Je eher Eltern auffällt, dass sich ihr Kind asymmetrisch entwickelt oder verhält, ob beim Kopf drehen, beim Blickkontakt oder Hände benutzen, desto erfolgreicher ist die Behandlung“, sagt Dr. Fred Villbrandt, der die Abteilung für Physikalische und Rehabilitative Medizin im Martin-Luther-Krankenhaus leitet. „Osteopathie ist kein Allheilmittel“, stellt der Arzt klar, „aber es ist eine effiziente Behandlungsmöglichkeit, wenn relevante anatomische Ursachen ausgeschlossen sind.“
Vor allem das Hinterhauptbein, wo der Schädel auf der Wirbelsäule liegt, werde bei Geburten per Kaiserschnitt, Saugglocke oder Zange beansprucht. Dort bündeln sich Nervenbahnen, Sehnen und Muskeln, die wiederum Einfluss auf die Lage von Organen und Gelenken haben. Geraten diese Gewebestrukturen in Schieflage, können vegetative Störungen wie Blähungen, Schreien und Unruhe auftreten. Osteopathen versuchen, mit sanften Griffen, rhythmischen Bewegungen und minimalem Druck diese Fehlstellungen zu korrigieren. Um das zu beherrschen, musste Manuela Krisa nach dem Abschluss als Physiotherapeutin noch fünf Jahre nebenbei in die Ausbildung als Osteopathin investieren.
Yara Schachtebeck wurde im vergangenen November mit der Saugglocke auf die Welt geholt und konnte ihren Kopf nur wenig nach links drehen. An der rechten Seite war der Kopf deshalb vom vielen Liegen schon etwas flacher und das Haar nur flaumhaft gewachsen. Inzwischen hat Yara ihre dritte Behandlung bei Manuela Krisa. Von der Schädelasymmetrie ist kaum noch etwas zu sehen. Auch Yaras Haare stehen rechts fast schon ebenso zerzaust ab wie links.
Hilfe für ein Schreikind
Obwohl seine Patienten zumeist Erwachsene sind, hat Osteopath Frank Weidemann in seiner Berliner Praxis „Physio Emotions“ auch schon Schreikinder therapiert. „Wenn die Geburt Kompressionen auf den Schädel ausübt, kann sich ein erhöhter Zug auf die harte Schutzhaut über Gehirn, Rückenmark und Steißbein fortsetzen. Oder es können Probleme im Beckenbereich bis in den Kopf reichen“, so Weidemann über die Ursachen für das Dauer-Schreien. Nach der Therapie seien diese Kinder dann so ruhig wie andere. Dennoch ist Osteopathie für ihn nicht eine Behandlungsmethode, die allein von außen wirkt: „Linderung oder Heilung vollzieht sich vor allem durch die Unterstützung der Selbstheilungskräfte.“

