GESUND: Wann reicht ein Blick ins Internet, wann geht man besser zum Arzt?
Kai Helge Vogel: Seriöse Informationsquellen vorausgesetzt, kann ein Blick ins Internet bei kleineren Beschwerden sinnvoll sein. Oder nach einem Arztbesuch, wenn ich mich noch mal in Ruhe genauer über die Diagnose informieren möchte.
GESUND: Der Blick ins Netz soll also den Arztbesuch nicht ersetzen?
VOGEL: Genau, es kann Beratungs- und Zusatzangebote geben, auch von Ärzten, aber die Grenzen sind klar gezogen. Ärzte dürfen über das Internet keine Diagnosen erstellen. Und Nutzer sollten bei Informationen aus dem Netz vorsichtig sein. Wenn man Stichworte wie „Schüttelfrost“ oder „Kopfschmerzen“ in eine Suchmaschine eingibt, dann können in den Suchergebnissen die verrücktesten Krankheiten auftauchen, sogar lebensgefährliche Krankheiten, obwohl es vielleicht nur eine kleine Erkältung ist. Was wirklich hinter den Symptomen steckt, ist auch für einen professionellen Mitarbeiter eines Portals schwierig einzuschätzen.
GESUND: Wie aktuell sollten die Informationen sein?
VOGEL: Bei allgemeinen Informationen muss man weniger aufs Datum schauen. Aber bei schwerwiegenden Erkrankungen, wo man sich tiefer gehend über Therapiechancen informieren möchte, sollte der Beitrag möglichst aktuell sein. Ein fünf Jahre alter Beitrag würde auf keinen Fall weiterhelfen, sondern eher verunsichern.
GESUND: Woran sieht der Nutzer, dass ein Portal seriös ist?
VOGEL: Man muss schauen, wer dahinter steckt, wer im Impressum steht. Bei anonymen Informationen ist große Vorsicht angebracht. Auch Pharma-Unternehmen werden nicht unbedingt unabhängig informieren. Dann gibt es Foren, die von großen Unternehmensberatungen gesponsert werden. Und es gibt viele kleine Webseiten von Selbsthilfegruppen. Das muss man wissen, um die Qualität und Neutralität der Informationen beurteilen zu können.
GESUND: Wie erkennt man, ob wirklich ein Experte auf dem Portal schreibt?
VOGEL: Bei einem Arzt oder Medizinprofessor kann ich auch auf weiteren Internetseiten nach seinen Qualifikationen schauen. Gerade bei dubiosen Anbietern ist schnell mal eine Position oder eine Universität geschaffen, die es gar nicht gibt. Wenn man auf eine Praxis verwiesen wird, kann man sich deren Internetseite auch mal anschauen.
GESUND: Sind getarnte werbliche Beiträge in Foren und Portalen zu erkennen?
VOGEL: Das ist oft genauso schwierig wie bei Printmedien. In der Regel müsste der Autor genannt werden. Bei großen Beratungsportalen ist das oft ein Pharmaunternehmen. Dann ist klar, dass man skeptischer sein sollte. Sicherlich ist es auch vernünftig, nicht dem erstbesten Eintrag zu glauben, sondern erst, wenn man etwas zwei-, dreimal bei verschiedenen Anbietern gelesen hat. Dann kann man eher als bei einer Einzelmeinung davon ausgehen, dass die Information korrekt ist.
GESUND: Manche Informationen kommen auch aus weltanschaulichen Richtungen und widersprechen gängigen medizinischen Lehrmeinungen. Wie soll der Nutzer damit umgehen?
VOGEL: Auf den „Wir über uns“ Seiten ist häufig genannt, zu welcher Gruppe das Portal gehört. Es gibt Begriffe, bei denen man hellhörig werden sollte. Wenn da steht, „wir unterstützen den Kampf gegen das regulierte Gesundheitswesen“ oder „die Schulmedizin“ – als Extremfälle – dann sollte man nicht alleine diesen Ratschlägen Glauben schenken, sondern mit seinem Arzt Rücksprache nehmen. Das ist das Wichtigste: Nicht auf eigene Faust eine Behandlung beginnen nur aufgrund von Informationen aus dem Internet.
