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„Allergien werden bagatellisiert“

„Allergien werden bagatellisiert“

Von Barbara Dötsch | 29. Okt 2009 | Ernährung

Interview

mit Professor Torsten Zuberbier (Foto), Leiter der Europäischen Stiftung für Allergieforschung an der Berliner Charité

GESUND: Wie gut ist die Kennzeichnungspflicht?
Torsten Zuberbier: Sie ist unzureichend, denn es ist nicht festgelegt, ab welchem Schwellenwert die häufigsten Allergene auch tatsächlich auf der Inhaltsangabe stehen müssen.

GESUND: Warum wurden diese Werte nicht längst ermittelt?
Zuberbier: Man muss die Allergie bei Betroffenen absichtlich immer wieder mit verschiedener Dosis zum Ausbruch bringen, um den Wert des Allergens zu ermitteln, bei dem jedes Restrisiko ausgeschlossen ist.

GESUND: Was raten Sie Allergikern?
Zuberbier: Niemand darf sich darauf verlassen, dass nur das drin ist, was auf dem Lebensmittel drauf steht.

GESUND: Warum ist das so?
Zuberbier: Wenn das Nusspulver in einem Betrieb neben dem Weizenmehl gelagert wird, besteht die Gefahr einer Kontamination. Wir brauchen mehr Sorgfalt bei der Produktion, aber die Nahrungsmittelindustrie reagiert nur sehr zögerlich auf die Anforderungen. Es fehlt an Weitsicht, dabei halte ich den Markt für Allergiker für einen der Megatrends der Zukunft.

GESUND: Was müsste passieren?
Zuberbier: Ein Umdenken auf Unternehmerseite, aber auch auf Seiten der Politik. In die Forschung zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen geht das 400fache dessen, was bei uns für Allergie-Forschung ausgegeben wird.

GESUND: Woran liegt das?
Zuberbier: Es krankt an der Bagatellisierung gerade von Lebensmittelallergien. Warum sonst werden Sonderwünsche von Allergikern in Restaurants oder sogar beim Kochen im Freundeskreis so oft nicht ernst genommen, oder warum sonst gibt es ein staatlich gefördertes Krebsregister, aber keines für Allergien? Wir messen die Werte vom Wetter bis zum Feinstaub, aber nicht die von Allergenen.

GESUND: Ärzte werfen auch den Krankenkassen einen schlechten Umgang mit Allergikern vor, wieso?
Zuberbier: Schon die Diagnostik von Lebensmittel-Allergien ist nicht billig. Dennoch sind im Regelleistungskatalog für die Behandlung eines Allergikers pro Quartal nur 18 Euro vorgesehen und zwar inklusive aller Sachleistungen. Das ist weniger als meine heutige Parkhausgebühr.

GESUND: Also gibt es bisher keine unbedenklichen Lebensmittel?
Zuberbier: Doch. Die, die das Gütesiegel unserer Stiftung tragen. Denn dabei gehen unsere Anforderungen an Produkte bereits weit über die des Gesetzgebers hinaus. Das heißt, bei den zertifizierten Produzenten werden Zutaten, Lagerung und Herstellung regelmäßig kontrolliert, Mitarbeiter geschult und die Inhaltsangaben auf weit mehr als die 14 häufigsten Allergene ausgedehnt. Außerdem testet ein unabhängiges Institut die Endprodukte auf Verunreinigungen.

GESUND: Aber Sie haben bislang erst ein Öl, ein Ballaststoffkonzentrat und zwei Fleischereibetriebe mit ihrem Siegel ausgezeichnet…
Zuberbier: …und bis sich die Lage ändert, zählt die Eigenverantwortung bei der Industrie, vor allem aber bei Patienten, die im Zweifel eben immer ein Notfallset dabei haben sollten.

 

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